28. GRASS COURT OPEN HALLE 13. – 21. Juni 2020

TICKET CENTER 05201 81 80 Mo. bis Fr. 10–17 und Sa. 10–13 Uhr

Interview mit Roger Federer

Bei den Matchbällen gegen Sie, haben Sie da den Herz- und Pulsschlag der Menschen spüren können?
Ja, vielleicht, ich habe keine Ahnung. Ich kann mich eigentlich nur noch an einen Matchball, den ich abgewehrt habe, erinnern. Den anderen nicht mehr. Ich weiß gar nicht mehr, wie viele es waren ganz ehrlich (lacht). Von dem her es war dermaßen eng am Schluss. Ich war enttäuscht, dass ich die Vorhand verzogen habe bei, keine Ahnung, 6-6, 7-7? Ich weiß gar nicht mehr, wie viel der Spielstand war. Dann habe ich gedacht, gut, das war’s dann mal. Wenn er gut serviert jetzt, ist es eh fertig, egal wie gut ich dann returniere oder reagiere im Normalfall verliere ich den Punkt zu 75 bis 85 %, wenn er gut serviert auf den ersten Aufschlag. Zum Glück hat er mir einen zweiten gegeben. Den habe ich wunderbar zurückgespielt. Aber es ist schon so, klar geht der Puls hoch und du spürst auch, wie das Publikum dich nach vorne peitscht, und du probierst, aber vielleicht läuft es nicht ganz. Du darfst dich einfach nicht frustrieren lassen, musst dran bleiben, musst positiv bleiben so gut es geht bis zum bitteren Ende. Und heute hat das funktioniert, darum bin ich natürlich schon sehr erleichtert und glücklich.
Was hat es denn heute so anspruchsvoll gegen einen unorthodox auftretenden Benoit Paire?
Ich glaube, die Schwierigkeit war, dass ich nicht richtig in die Ballwechsel gekommen bin, wie ich das wollte eigentlich. Jedes Mal, wenn ich eigentlich … wie er seine Rückhand gespielt hat, habe ich das Gefühl gehabt, dass er sehr souverän mit der Rückhand agiert hat, er konnte mich immer unter Druck setzen. In der Vergangenheit, wo ich gegen ihn gespielt habe und ich lockerer gewonnen habe, hat er ab und zu mal eine Rückhand verzogen und er hat immer im richtigen Moment immer den richtigen Ball gespielt habe ich das Gefühl gehabt und vielleicht hätte ich mehr aggressiv sein müssen, aber eben das Problem war, dass ich im ersten Satz das Break geschafft habe, indem ich wirklich sehr, immer viel über seine Vorhand gespielt habe, auch mal weich und dann wieder schnell und das ist mir dann vielleicht zum Verhängnis geworden, dass ich das Gefühl gehabt habe, dass ich so das Break finden werde, und dabei hätte ich auch mal schneller in seine Stärke reinspielen sollen und vielleicht auch mal seine Stärke ein bisschen unter Druck setzen sollen mehr, und das ist mir nicht gelungen. Und dann sind mir natürlich auch ein paar Fehler unterlaufen, das ist logisch in so einem langen Spiel. Ja und dann im dritten Satz ist es einfach knapp geblieben, ich glaube eben, weil die Bälle eben doch ein bisschen versprungen sind heute, also sind gute Aufschläge gut bezahlt worden. Dann ist er eben schnell und gut durch seine Aufschlagspiele gerannt, zwei, drei Aufschlagwinner, Asse usw. und dann kannst du ihn natürlich nicht genug unter Druck setzen, weil er kann sich wieder mit guten Aufschlägen retten und somit wird es sehr wenig Taktik und wenn du mal im Ballwechsel drin bist kannst du nicht dann nur deine Taktik spielen, du musst einfach den Ball spielen. Das war heute auch schwierig, weil der Ball ab und zu versprungen ist und somit musste ich immer selber zuerst mal schauen, wann kann ich überhaupt selber machen und dann gehst du durch ein Spiel, zwei Spiele, zehn Spiele, 20 Spiele und auf einmal will es nicht mehr. Und von dem her bin ich eben doch zufrieden, wie es gelaufen ist. Es waren schwierige Bedingungen. Es war kühl. Er hat gut gespielt und von dem her galt es das zu akzeptieren und einfach irgendwie durch das Match durchkommen und nicht probieren zu sehr negativ zu werden oder zu sehr irgendwie deprimiert rumzulaufen, weil für ihn war es eigentlich gleich.
Was macht es aus, dass Sie Ihren Kopf in solchen Situationen nicht verlieren? Hauptsächlich Ihre große Erfahrung oder ist das auch Ihre mentale Stärke, Abläufe, die Sie sich angeeignet haben?
Ja gut, ich glaube Erfahrung ist sicher hilfreich, aber irgendwann muss man auch ein bisschen den wilden, wie soll ich sagen, vom Stil her so spielen, wie man nichts zu verlieren hat, sich fast ein bisschen einrede, „so what, dann verlierst du halt.“ Das kann passieren, aber ich verliere sicher nicht nur weil wenn ich den Ball reinspiele und am Schluss sagen muss, hätte ich doch nur mehr gemacht. Man muss nicht kopflos in die wichtigen Punkte reingehen, aber du musst die richtige Balance finden natürlich. Nicht immer einfach, das ist natürlich ganz klar, aber ich besinne mich vielleicht auch zurück, wie hart ich gearbeitet habe die letzten drei Monate, was ich alles richtig gemacht habe in den letzten zwei Stunden, was ich nicht gut gemacht habe, und am Schluss musst du dann halt einfach während dem du dich zum Ball bewegst hoffen, dass deine Beine auch dann das Richtige machen und nicht irgendwie an Koordination verlieren. Ich glaube aus diesem Grund habe ich zum Beispiel die Vorhand verzogen, weil ich mich im letzten Moment doch noch ein bisschen mehr bewegen wollte, obwohl ich vielleicht schon zum Ball gut geständen wäre, und somit habe ich dann die Vorhand verzogen. Das kann natürlich dann zum Verhängnis werden, auch wenn du es zu gut machen willst. Aber ich bin heute sehr zufrieden gewesen. Wichtig ist, dass du auf Rasen immer gut servierst natürlich, die richtigen Ecken auswählst auf den Return und doch ab und zu auch mal ein bisschen Risiko nimmst auch. Und das ist mir dann zum Glück im letzten Moment doch noch passiert. Und von dem her habe ich doch noch irgendwo das Gefühl, dass ich vielleicht doch noch verdient gewonnen habe, weil ich hatte doch mehr Chancen im Verlauf des Matches als er habe ich jetzt vom Feeling her das Gefühl, ob das die Statistik auch so zeigt, das weiß ich nicht.
Ich kann mir vorstellen, dass die Trainerrolle von Ivan Ljubicic nicht immer so einfach ist, einem etwas beizubringen, der eigentlich alles kann. Ist das nach so einem Match vielleicht besonders wichtig, ihn an seiner Seite zu haben, alles zu analysieren, um dann weiter nach vorne zu kommen? Braucht man den Trainer in solchen Momenten?
Ja, unbedingt. Wir haben auch nach dem Match jetzt kurz zusammen gesprochen. Eben es ist wichtig von ihm zu hören, ob er das Gefühl gehabt hat, ob ich völlig falsche Entscheidungen getroffen habe oder mich fragen würde, warum hast du nicht mehr Vorhand longline gespielt oder warum hast du nicht vielleicht den Ball früher genommen auf dem Return oder warum hast du nicht mal probiert Serve und Volley zu spielen auf den zweiten, keine Ahnung was er sagt, egal was, das lässt dich das ganze noch mal analysieren, überlegen und von einem anderen Blickwinkel zu sehen oder eben was er mir jetzt gesagt hat, einfach „ich fand das Spiel ganz okay. Ich fand nicht, dass du schlecht gespielt hast.“ Klar, das Aufschlagspiel im zweiten Satz hätte nicht passieren müssen, dürfen, hätte besser laufen können die ersten drei Spiele im zweiten Satz. Anstatt, dass ich vielleicht 2-1, 3-0 vorne bin, bin ich 3-0 hinten. Blöd gelaufen. Selber schuld irgendwo, aber die Reaktion muss vielleicht besser kommen, dann nicht noch in 4-0 Stand geraten. Viellicht hätte so mich noch zurück gekämpft in den zweiten Satz, wer weiß, und dann auf einmal ist er dann frustriert und dann gewinne ich in zwei. Somit habe ich ihm den zweiten Satz irgendwie geschenkt dann zum Schluss. Und das lässt mich eigentlich gut fühlen, wenn der Coach sagt, „hey, das war eigentlich ganz ordentlich. Nur weil das Resultat knapp war, heißt das noch lange nicht, dass es schlecht war.“ Und das gibt mir natürlich ein gutes Gefühl für heute Abend und auch dann schlafe ich besser und dann weiß ich, dass morgen wieder ein anderer Tag ist und hoffentlich, wenn ich auch die gleiche Leistung vielleicht abrufe, dass vielleicht das Resultat einfach besser ist, weil der Gegner mir besser liegt als jetzt Benoit Paire heute zum Beispiel.
Morgen spielen Sie gegen Ebden. Sie haben noch nie gegen ihn gespielt. Wie anders ist es nochmal gegen jemanden zu spielen, dem Sie noch nie gegenüber standen?
Gut ich glaube vor allem bei jungen Spielern ist das natürlich immer einen Schwierigkeit, weil da kennst du gar nichts von den Lieblingsaufschlägen bis zu Risikobereitschaft von den Jungen. Jetzt bei Ebden habe ich das Gefühl, ich habe so ein bisschen eine Ahnung, was auf mich zukommt. Ich habe schon ein paar Mal mit ihm beim Hopman Cup trainiert. Er ist ja von Perth. Ich kenne ihn auch schon seit längerer Zeit auf der Tour. Darum habe ich schon ein bisschen das Gefühl, dass ich weiß, was passieren könnte. Das wird mir sicher helfen, aber trotz allem, es könnte natürlich sein, dass er dann, wenn es wichtig wird, einfach extrem viel Risiko nimmt und dann muss ich einfach hoffen und schauen, dass ich gut reagiere oder eben gar nicht in diese Momente reinkomme, dass ich einfach von Anfang an irgendwie in Führung gehe und dann das Match verwalten kann. Aber es ist sicher immer ein Challenge, gegen jemand zum ersten Mal zu spielen. Das gibt mir sicher auch dann viel Informationen für das zweite Mal (lacht). Aber eben das ist die Gefahr.
Ich habe eine Frage zu Alexander Zverev: Sie hatten gesagt, dass Sie bei den Australian Open, nachdem er ausgeschieden ist, mit ihm gesprochen haben und Einblicke in Ihr Karriere gegeben haben. Sie haben ihn auch bei den French Open verfolgt. Haben Sie auch hier mit ihm gesprochen, über seine Verletzung gesprochen? Geben Sie ihm Tipps oder sehen Sie ihn eher als Konkurrenten?
Ich bin nicht sein Coach.
Geben Sie ihm Tipps?
Nicht unbedingt. Also wenn wir zusammen trainieren, gebe ich ihm gerne einen Tipp. Wenn er mich was fragt, dann sowieso, aber eben ich habe sein Match ein bisschen geschaut an den Australian Open, bin dann selber trainieren gegangen und dann eben war er da nach seinem verlorenen Spiel und war da ganz deprimiert in der Garderobe und ich habe einfach gedacht, anstelle jetzt ihm den Klassiker zu sagen, ja, bad luck und so, wir sehen uns, habe ich gedacht, ich sage mal ein bisschen mehr. Und ich glaube, das hat ihm gut getan oder. Ich habe ihm einfach auch erklärt, hey egal wie gut meine Karriere war oder von anderen Spielern, es ist nicht immer einfach, den ersten Schritt zu machen, den ersten Durchbruch an einem Grand Slam. Manchmal schaffst du den Grand Slam Durchbruch, aber bei einem Masters 1000 nicht, er hat es umgekehrt gemacht, aber es kann nicht sein dass er so viel Erfolg hat im Masters 1000 und dann zum Schluss bei den Grand Slams immer Mühe hat. Das wird dann schon kommen. Und das habe ich so gemeint und ich bin da auch überzeugt, dass das kommen wird. Hier habe ich ihn nur kurz gesehen. Ganz ehrlich, ich wusste auch gar nicht von seiner Verletzung. Ich weiß auch gar nicht, wie schwerwiegend sie ist. Ich hoffe, das ist nicht schwer. Ich glaube, er kann eh auf allen Belägen gut spielen. Das weiß er selber auch. Das hat ihm sicher auch Motivation gegeben, letztes Jahr das Finale hier zu erreichen. Er war ja auch ein bisschen müde, weich geklopft und davon habe ich sicher auch ein bisschen profitieren können im Finale. Aber eben ich bin selber gespannt, wie er jetzt spielt und ein großer Fan von ihm. Er ist ein netter und von dem her bin ich immer bereit, jungen zu helfen, nicht nur Zverev ganz ehrlich. Aber klar irgendwodurch ist jeder ein Rivale von mir, aber mit 36 siehst du das alles ein bisschen entspannter als vielleicht selber noch mit 25.
Nachdem Sie die Insel Rottnest Island besucht haben und dort ein Selfie gemacht haben, ist die Stadt völlig überlaufen mit Besuchern. Sind Sie sich dessen bewusst, was für eine Werbewirksamkeit Sie haben?
Als ich wusste nichts von dem, dass die Insel überlaufen ist. Ob das jetzt Fakt ist oder Fiction das weiß ich auch nicht. Wir sind ja nicht selber da und kontrollieren, wie viele Leute jetzt mit der Fähre rüber fahren, aber es würde mich natürlich freuen, weil ich glaube, Western Australia ist sehr sehr schön, so ein bisschen versteckt. Alle reden von der Ostküste, aber ich glaube, die Westküste ist genauso schön, wenn nicht sogar noch schöner sagen Leute. Ja, und ich bin natürlich auch sehr gerne zum Hopman Cup gewesen die letzten paar Jahre und dank Social Media oder dank vielleicht meiner Präsenz kann ich manchmal sicher so ein bisschen die Werbetrommel laufen lassen und auch ein bisschen zurückgeben, eben dass ich ja eingeladen wurde, dass sie Geld in die Hand nehmen und mich da einladen und wollen, dass ich ein bisschen Western Australia oder eben die Insel oder so irgendwie promote. Das ist sehr kreativ und ich finde das auch cool so. Und wenn ich dann höre, dass Leute dann da hingehen, interessiert es mich mehr, wie es ihnen gefallen hat, anstelle nur dort hinzugehen, weil ich glaube wirklich, es ist eine Reise wert. Es ist schön zu hören. Aber gleichzeitig muss ich natürlich auch aufpassen, wie viel ich mache oder was ich sage, weil eben alles wird manchmal analysiert oder alles wird so in die Waagschale geworfen, aber es ist etwas sehr Positives. Also ich nehme es sehr positiv und darum freut es mich.
Sie haben ja jetzt unheimlich viele Rekorde schon, von denen Sie sagen, manche bedeuten Ihnen etwas mehr, manche etwas weniger. Spielt es irgendwie eine Rolle, wenn Sie jetzt hier gewinnen würden, wäre es der 99. Titel, wenn Sie in Wimbledon gewinnen der 100. Ist das etwas, was im Hinterkopf eine Rolle spielt?
Also es ist mir natürlich bewusst. Ich glaube, 99. Titel generell wäre sehr cool, weil du ja weißt, dann bist du sehr sehr nah an der 100 dran. Du weißt dann du darfst nicht aufhören, bevor du die 100 hast irgendwie (lacht). Dann muss irgendwie einer noch gehen, bevor du aufhören würdest. Darum habe ich auch gesagt, 100 wäre sicher ein schönes Ziel noch so etwas zu erreichen, aber das müsste jetzt nicht sein Halle und Wimbledon, aber klar von der Konstellation wäre es natürlich wunderbar, aber es muss nicht immer in Märchen enden. Das habe ich mir jetzt eh schon lange aufgegeben, auch mit meiner Karriere, das muss nicht immer alles im wunderbaren Ende mit einem Sieg, keine Ahnung war es irgendwie 100:98 im fünften Satz in Wimbledon passieren. Das muss nicht sein. Darum, wenn es passiert, ist es schön, wenn es nicht passiert, ist mein Leben völlig okay. Aber ich probiere mein Bestes natürlich hier. Habe heute ein riesen Glück gehabt im Match und jetzt schauen wir mal morgen weiter wie es geht.
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