28. GRASS COURT OPEN HALLE 13. – 21. Juni 2020

TICKET CENTER 05201 81 80 Mo. bis Fr. 10–17 und Sa. 10–13 Uhr

Interview mit Roger Federer

Ich habe zufällig gesehen, dass Sie vor dem Match auf dem Treppenabsatz mit Severin und Daniel Troxler Tennisfußball gespielt haben und ganz viel Spaß hatten. Wenn ich ihn so sehe, dann denke ich, der geht gleich an den Strand. Ist das immer so entspannt vor dem Finale oder war das heute was Besonderes?
Im Warm-up heute?
Ja. Sie haben viel gelacht
Ja, das ist normal (lacht). Ja, wir lachen viel. Wir machen uns dann immer lustig übereinander. Nein, also es kommt immer auch ein bisschen darauf an, wo man sich aufwärmen kann, wie viel Privatsphäre hat man wirklich, und wärmt man sich auf irgendwie in einer Ecke mit zweieinhalb Quadratmeter und daneben ist jemand anders am Aufwärmen und danach ist jemand anders kommt vom Match zurück und ist enttäuscht, ein anderer ist sehr happy, dass er gewonnen hat. Manchmal ist man in der Garderobe, manchmal sehen einen Fans und hier hinten, wo ich mich aufwärme, ist es total privat und da können wir eben eigentlich uns selber sein, komplett uns selber sein, müssen nicht auf jemanden Rücksicht nehmen. Ja, ich glaube schon, dass das eigentlich viele Spieler machen, weil wir haben einfach viele Matches im Jahr und wenn man sich wie ein Boxer jetzt, sage ich mal, einen Fight, wenn ich mich jedes Mal so vorbereiten würde, ich meine, das ging ja gar nicht, da würdest du ja durchdrehen auf Dauer. Darum muss man es ein bisschen locker behalten, und ich glaube das ist meine große Stärke, dass ich auch noch wirklich zwei Minuten vor dem Spiel immer noch entspannt und relaxt bin und dann laufen wir hier nach unten, und dann heißt es viel Glück, mach’s gut, und dann bist du kurz im Tunnel, konzentrierst dich, aber hast immer noch die fünf Minuten vom Warm-up. Von dem her ich sehe da keinen Stress eigentlich, aber es kommt immer so ein bisschen darauf an, wer ist auch da im Raum. Manchmal wird dann gefilmt leider, Leute so undercover, gibt’s alles heutzutage non-stop, ist ein bisschen mühsam, aber gehört dazu.
Hatten Sie im Tiebreak das Gefühl, dass Sie noch einen Gang drauflegen konnten?
Ich weiß nicht, ob es das Gefühl ist, ja ich kann noch einen Gang zulegen oder ob ich weiß, ich werde eher die richtigen Entscheidungen treffen mit der Analyse eigentlich vom Vorfeld vom Satz, sozusagen wenn ich in den Tiebreak komme. Ich habe wirklich eigentlich das Gefühl gehabt, dass ich irgendwie nicht zu sehr jetzt irgendwie in der Panik gespielt hätte oder eben zu sehr mit Druck. Ich habe das Gefühl gehabt, ich habe so die richtige Balance. Ich wusste von der Wichtigkeit von gewissen Momenten, aber gleichzeitig ich kann es jetzt auch nicht mehr ändern, geh mit dem Problem um, triff die richtigen Entscheidungen, spiel nach vorne, mach keine einfachen Fehler, lass den Gegner sich das ganze erarbeiten und verdienen und ich glaube, das habe ich eigentlich sehr sehr toll gemacht diese Woche, und ich glaube, wenn ich etwas mitnehmen kann, dann ist es das, und wenn ich große Turniere und die besten Spieler schlagen will, dann braucht es natürlich auch Selbstvertrauen, das habe ich hier auf jeden Fall getankt diese Woche.
Was bedeutet Ihnen dieser zehnte Titel und wie sehen Sie das Spiel heute in der gesamten Turnierwoche?
Ich fand das Finale eigentlich ein tolles Finale. Es war schwierig, ins Spiel reinzufinden, ganz ehrlich. Vor allem auf dem Return, ich hatte Mühe Davids Aufschlag zu lesen. Ich fand, es war schnell. Ich musste mich auch ein bisschen an den Schatten gewöhnen, weil ich habe zum ersten Mal heute um ein Uhr spielen müssen. Da ist der Schatten … auf der einen Seite bist du komplett im Schatten und auf der anderen Seite bist du komplett in der Sonne. Und eben der Ball, der wechselt ja fast schon die Farbe, wenn er in den Schatten geht oder in die Sonne geht, und das braucht so hatte ich das Gefühl, ein bisschen Zeit auch vom Timing her. Ich habe keine Ahnung, ob man irgendwie öfter blinzelt, keine Ahnung, was passiert, aber es passiert alles sehr sehr schnell. Ich wusste, dass wenn ich mich da irgendwie durchkämpfen kann oder auch sogar den ersten Satz verlieren sollte, die Sonne bewegt sich auch rüber, das könnte noch Probleme geben für den Aufschläger auf der einen Seite und David hat zum ersten Mal immer ein bisschen Probleme gehabt, dann auf dem Aufschlag, wo er Doppelfehler angefangen hat zu servieren anfangs zweiter Satz. Ja, es ist für mich dann sicher gut gelaufen, ich habe ein tolles Tiebreak gespielt, wieder gut serviert jedes Mal und dann auch ein bisschen gewechselt, wo ich hin serviert habe und somit ihn ein bisschen mehr unter Druck setzen können. Dann kamen nicht mehr die gewünschten Grundlinienduelle zustande, die er so gerne wollte natürlich, aber ich fand, ich habe ein gutes Match gespielt. Ich musste aufpassen. Ich wollte nicht zu aggressiv spielen, aber auch nicht zu passiv. Darum war es immer so eine Gradwanderung, aber ich war eigentlich sehr zufrieden, wie es gelaufen ist, vor allem am Ende zweiten Satz. Da habe ich dann auch gemerkt, dass auch der Frust natürlich bei David gewachsen ist und ich konnte das dann in aller Ruhe nach Hause bringen. War ein schönes Gefühl.
Wir sprechen ja immer über diesen Generationenwechsel, ob es die jüngere Generation mal geschafft hat. David hat es gerade auch gesagt, jetzt gewinnen Sie mal, da heißt es wieder, die jungen haben es nicht geschafft, dann gewinnt nächste Woche ein junger, dann heißt es wieder, sie haben es geschafft. Wie sehen Sie das? Hat sozusagen dieser Wechsel schon fast stattgefunden? Jetzt haben wir diese Woche im Finale in Queens auch einen Ü-30. Hat Sie das ein bisschen überrascht oder wie muss man das einordnen? Oder ist das einfach so, dass das passieren kann oder…?
Ja, ich glaube, so lange Rafa, ich und Novak natürlich noch spielen und Stan und Cilic und andere, die auch schon alle über 30 sind, Del Potro usw. gehören ja auch alle dazu, wird es einfach nicht ganz einfach werden, dass ein junger kommt und alles dominiert. Das wäre vielleicht dem Sport zu wünschen, ich habe keine Ahnung, aber ich glaube, den Leuten gefällt es, wie es momentan ist. Aber es wird sicher eben immer wieder Momente geben, wo die Überraschungen kommen werden. Ich glaube Felix und Tsitsipas und Shapovalov und Khachanov und Coric usw. und ich weiß nicht, ob Thiem auch dazu gehört, aber ich würde schon meinen, die haben eigentlich gezeigt, dass sie eigentlich die besten auch schlagen können immer und immer wieder auch. Von dem her ist einfach mal die Frage da, können die ein Grand Slam Finale oder ein Halbfinale schaffen, weil leider werden die Leute nur da gemessen irgendwie heutzutage. Alles ist total Grand Slam fokussiert, was ich eigentlich manchmal falsch finde. Das war ja in meiner Zeit am Anfang eigentlich nicht der Fall, wo ich mein erstes Masters 1000 gewinnen konnte in Hamburg und Top Ten geworden bin, war das ein riesen Sieg, ein toller Erfolg eigentlich. Und heute ist das so, ja, gut, aber zeig mal, was du bei den Grand Slams drauf hast, das ist schon ein bisschen bitter oder? Und er hat ja noch Djokovic geschlagen im Finale, es ist ja nicht so, dass irgendwie sonst noch einen Tourist geschlagen hat im Finale und darum ich glaube generell habe ich eben das Gefühl, dass es immer so ein bisschen negativ geschrieben wird im Tennissport, einfach weil der hat ja heute zum Beispiel 35 Fehler gemacht, anstelle im Golf habe ich eben das Gefühl, aha super Birdie auf drei und wunderbarer Schlag auf zwei usw. Bei uns ist das alles ein bisschen härter, aber das gehört dazu. Ich beklage mich nicht, auch die jungen nicht, aber es ist schon so, dass das manchmal ein bisschen zu hart gesehen wird. Aber die jungen, die sind da, die werden nur besser. Wir „nur älter und ein bisschen schlechter“. Darum wird es auf ein mal natürlich die Überraschung geben oder eben den Wechsel. Ich glaube, der ist voll im Gange. Die Frage ist, ist es dieses Jahr, nächstes Jahr oder übernächstes Jahr. Das wird sich zeigen. Aber die werden ja nur stärker werden, vor allem mit der Erfahrung, aber es ist sicher nicht leicht für sie. Das ist auch klar.
Sie haben gesagt, dass es in Wimbledon mehr Grundlinienduelle gibt, der Platz noch perfekter ist. Was nehmen Sie jetzt spielerisch mit nach London und in welcher Hinsicht fühlen Sie sich optimal vorbereitet?
Ich glaube, da könnte mir vielleicht ein bisschen die Sandplatzsaison entgegen kommen, dass ich wieder weiß, wie ist es eben zehn Schläge am Stück zu meistern in einem Ballwechsel. Das musste man hier fast eigentlich nie, sich bis zu einem gewissen Grad auch wieder gedulden im Ballwechsel, aber gleichzeitig gibt es auch die Möglichkeit, weil die Bälle besser springen, sofort angreifen zu können. Es ist sicher auch, es gibt nicht mehr so viele Service-Winner glaube ich und Asse wie noch hier. Da muss man da vielleicht ein bisschen härter kämpfen oder anders das Spiel aufziehen auf dem eigenen Aufschlag. Ja, und sonst einfach dort paar Stunden auf dem Trainingsplatz verbringen, sich daran gewöhnen. Die Bälle sind ja die gleichen zum Glück. Es ist nicht immer ein Wechsel hier wie auf Sand- und Hartplatz, überall sind immer andere Bälle vor den Grand Slams. Von dem her ist das mal anders und das ist sicher schon mal ein Vorteil, dass hier diese Woche mit den gleichen Bällen gespielt wurde.
Ich würde gerne noch eine etwas globalere Frage stellen: Es gab immer Weltsportler, die für Millionen von Mensch so ein bisschen einen Vorbildcharakter hatten, ob früher Mohammed Ali oder Michael Schumacher und und und. In dieser Kategorie sind Sie seit einem Jahrzehnt. Wie gehen Sie damit um? Die Leute assoziieren mit Ihnen Fairness auf dem Court und Umgang mit den Menschen auch außerhalb, einen Art von Bescheidenheit, Demut. Sind Sie sich dessen bewusst? Können Sie damit gut leben oder wird da zu viel reinprojiziert?
Also ich lebe gut damit, denn heute ist es sehr positive Presse. Es würde mich beschäftigen bis zu einem gewissen Grade, wenn ich immer kritisiert würde oder eben so negativ geschrieben würde, weil das würde auch irgendwie in meine Familie oder meine Frau oder meine Kinder oder meine Freunde belasten oder ich würde davon viel mitbekommen. Für mich war es schon immer wichtig, dass ich ein gutes Idol sein darf für Kinder oder Eltern zu mir kommen und sagen, hey, das machst du toll, hör nie auf, denn meine Kinder schauen zu dir auf. Das ist ein wunderbares Gefühl natürlich für mich. Ich habe immer probiert authentisch zu bleiben und zu sein natürlich auch. Das ist manchmal nicht ganz einfach trotzdem in diesem riesen Zirkus, in dem wir uns bewegen und natürlich immer mich wieder zurückzubesinnen, wer bin ich eigentlich, von wo komme ich her oder. Und am Schluss ich weiß von den Medien, von den Fans, von allem wird man schnell mal als Super Hero projiziert und dem kann man ja eigentlich gar nicht gerecht werden. Das weiß ich sowieso, darum sind Fehler total okay. Aber Respekt sollte vorhanden sein, finde ich immer, gegenüber jedem und allem. Das probiere ich zu leben, zu machen, probiere die Contenance zu wahren immer so gut es geht (lacht). Und ich glaube auch, dass ich den Leuten irgendwo Freude machen will, weil ich sehe mich heute mehr denn je eben auch ein bisschen als Entertainer, das habe ich vielleicht die ersten zehn Jahre nicht begriffen, dass eigentlich Tennis auch Entertainment bis zu einem gewissen Grade ist. Dass ich wirklich die Leute, die im Stadion sitzen, dass die nach Hause gehen mit einem tollen Gefühl, dass sie einen tollen Tag hatten, dass ich gute Antworten gebe an die Presse, denn ihr habt ja auch einen Job zu machen, wie ich ja auch und wir können das hier ja auch irgendwie mit einem guten Gefühl abwickeln, anstelle, dass ich hier reinkomme und so schnell wie möglich nur raus will, obwohl ich eigentlich gehen sollte. Also ich probiere immer mein Bestes und es freut mich, dass ich eben so viel gute Presse bekomme, aber andere hätten das natürlich auch alles verdient, und das ist auch der Fall glaube ich. Wir haben super Sportler in der ganzen Welt und ich schaue natürlich auch zu denen hoch, aber nicht nur zu denen, aber auch andere Leute, die nicht jeden Tag in der Presse sind.
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